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Hirnforschung und die Entstehung des Übergewichts

Wer nur die Kilos sieht, sieht nicht das Ganze

Am 18. Mai diskutierte die Fachwelt anlsslich des "Europischen Tages der Adipositas" erneut ber die aktuellen Entwicklungen der Wohlstandskrankheit bergewicht. Der wissenschaftliche Mainstream bescheinigt den oberen Gewichtsklassen seit Jahren, dass sie selbst Ursache von chronischen Erkrankungen und verfrhtem Ableben sind. Doch ist dem tatschlich so?

Seit sich die Hirnforschung dem Phnomen bergewicht angenommen hat, kommen immer wieder berraschende Erklrungsanstze zum Vorschein. Bereits seit den 80iger Jahren mehren sich die Berichte, dass Menschen mit zu vielen Pfunden nicht nur lnger leben, sondern mglicherweise auch gesnder sind. Sie berleben belastende Situationen besser, obwohl ein hohes Krpergewicht statistisch mit einer erhhten Sterblichkeit verbunden ist. Im vorletzten Jahr sorgte die Selfish Brain-Theorie des Lbecker Hirnforschers Achim Peters fr Furore und es sah so aus, als kme es auf breiter Ebene zu einem Paradigmenwechsel. Demnach sei bergewicht nicht - wie ursprnglich gedacht - die Ursache, sondern die Folge anderer urschlicher Faktoren. Mehr noch: bergewicht ist mglicherweise eine Art Schutzmechanismus des Krpers, um die negativen Auswirkungen anderer Erkrankungen wie beispielsweise Typ-2-Diabetes so lange wie mglich auszugleichen.

Eine aktuelle Studie am Leipziger Max-Planck-Institut fr Kognitions- und Neurowissenschaften, die zum ersten Mal Hirnstruktur und impulsives Verhalten bei normal- und bergewichtigen gesunden Mnnern sowie Frauen vergleicht, kommt dagegen zu dem Schluss, dass sich hhergewichtige Frauen deutlich risikofreudiger verhalten als die schlanken Versuchsteilnehmerinnen. Mit Hilfe des Magnetresonanztomographen stellte sich heraus, dass Hirnstrukturen, die an der kognitiven Verhaltenskontrolle beteiligt sind, vor allem bei schwergewichtigen Frauen verkleinert sind. Im Gegenzug waren dafr diejenigen Hirnstrukturen vergrert, die als Sitz des Belohnungssystems gelten.[*] Nach der Leipziger Neurobiologin Dr. Annette Horstmann spiegeln die Studienergebnisse den Alltag und damit auch das Essverhalten wieder. Wer sich eher fr den Sofortkalorien entscheide, denke weniger an die langfristigen Risiken.

Da sind sie auch schon wieder: die eingefahrenen Denkmuster, aus denen flugs neuer Stoff fr soziale Diskriminierung entsteht. Wenn der Begriff Hirn fllt, schlieen wir schnell auf den Charakter. Bisher waren Dicke gefrig und faul. Jetzt sind sie auch noch impulsgesteuert. Aber vielleicht lsst ja ein weiteres Ergebnis der Studie noch andere Schlsse zu. Denn die mnnlichen Studienteilnehmer gingen alle ohne Unterschied voll auf Risiko. Das wirft die Frage auf, ob hier nicht auch andere Krfte am Werk sind. Immerhin sicherte die Jagd nach dem Sofortgewinn seit der Steinzeit das berleben der Menschheit. So gesehen ist die verminderte Impulskontrolle, die den bergewichtigen Frauen in der Leipziger Studie bescheinigt wird, nicht nur negativ zu bewerten.

Im Grunde braucht die Ernhrungsberatung die neuen Erkenntnisse aus der Hirnforschung nicht, um zu begreifen, dass die allgemeinen Annahmen ber die berflssigen Pfunde unzureichend sind. Menschen lassen sich nicht in enge BMI-Schubladen pressen oder nach Tabellen einordnen. Niemand kann die Prognose fr den vermuteten Schaden durch bergewicht aus einer bunten Grafik exakt ablesen. Besser als jede Krperwaage oder andere Methoden zur Bestimmung der Krperfettverteilung ist der exakte Augenschein in Kombination mit einer umfassenden Patientenanamnese. Wer nur die Kilos sieht, sieht nicht das Ganze.

Literatur: Horstmann A et al.: Obesity-related differences between women and men in brain structure and goal-directed behavior. Front. Hum. Neurosci; 10:3389/fnhum.2011.00058

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zuletzt bearbeitet: 22.05.2013 nach oben

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