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Eindeutige Evidenz für Zusammenhang zwischen Diabetes mellitus und Parodontitis

Zum langfristig erfolgreichen Diabetesmanagement gehört die regelmäßige Kontrolle der Mundgesundheit

Diabetes mellitus ist eine Systemerkrankung, die ber Organ-, Sektor- und Fachgrenzen hinausgeht. Das Ziel jeder Behandlung ist eine optimale glykmische Einstellung, um den Langzeitfolgen des Diabetes vorzubeugen. Neben den schon lange bekannten Sptschden wie Makroangiopathien, Neuro-, Nephro- und Retinopathien und deren Folgen wird heute auch von der Parodontitis (Entzndung des Zahnhalteapparates) als einer weiteren wichtigen Diabetesfolgeerkrankung gesprochen. So haben Diabetes-Patienten im Vergleich zu Nicht-Diabetikern ein dreifach erhhtes Risiko, an Parodontitis zu erkranken.

Eine manifeste Parodontitis erschwert wiederum bei Diabetikern die Stoffwechselkontrolle und verschlechtert ihre glykmische Einstellung. "Angesichts der bidirektionalen Beziehung zwischen beiden Erkrankungen erfordert die erfolgreiche Behandlung der Diabetes-Patienten einen ganzheitlichen Ansatz, der auch die Zahnmedizin mit einbezieht", betont PD Dr. Erhard Siegel, Prsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). "Dafr muss das interdisziplinre Bewusstsein fr parodontale Erkrankungen als Folge des Diabetes mellitus geschaffen bzw. geschrft werden", unterstreicht Prof. Dr. Thomas Kocher, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft fr Parodontologie, die gemeinsame Position beider Fachgesellschaften.

Durch Prvention und rechtzeitige Therapie knnen Entzndungsprozesse, Insulinresistenz und daraus resultierende Probleme aufgehalten und der Behandlungserfolg mageblich erhht werden. Deshalb sollten Diabetologen/Allgemeinmediziner zumindest die Kardinalsymptome der Parodontitis kennen, einfache Screeningmethoden beherrschen und die Kontrolle der Mundgesundheit als integralen Bestandteil der Diabetestherapie ansehen.

Parodontitis ist eine chronische multifaktorielle Infektionserkrankung mit hoher Prvalenz, ca. 15 bis 20 Prozent der deutschen Bevlkerung sind parodontal schwer erkrankt. Diese Infektion geht mit einer Entzndung des Zahnhalteapparates und progressivem Verlust von Geweben einher, die den Zahn im Kiefer verankern (Bindegewebe und Alveolarknochen). Parodontitis ist durch Zahnfleischbluten, Foetor ex ore (Mundgeruch), Zahnfleischtaschen, Zahnfleischrckgang, Zahnlockerung und Zahnwanderung gekennzeichnet und kann unbehandelt letztlich zu Zahnverlust fhren.

Auslser sind verschiedene, vor allem gramnegative anaerobe Bakterien im Zahnbelag (Plaque). Neben dem Mundhygieneverhalten beeinflussen angeborene oder erworbene Risikofaktoren (genetische Prdisposition, soziokonomisch ungnstige Bedingungen, Rauchen oder Allgemeinerkrankungen - wie Diabetes mellitus) die Krankheitsentstehung und erhhen das Erkrankungsrisiko.

Im Rahmen einer systematischen Parodontitisbehandlung werden zunchst die Mundhygiene des Patienten optimiert, Reizfaktoren beseitigt (Zahnstein, berstehende Fllungsrnder) und pathogene Biofilme (Zahnbelag) professionell entfernt (Hygienephase). Es folgen das subgingivale Debridement (mechanische Reinigung der Wurzeloberflchen) sowie ggf. korrektive chirurgische Manahmen mit dem Ziel, entzndungsfreie Verhltnisse zu schaffen. Die sich anschlieende, (bedarfsorientiert) regelmig durchzufhrende, untersttzende Parodontitistherapie (UPT) soll das erreichte Behandlungsergebnis aufrechterhalten und ist damit ein wesentlicher Schlssel zum langfristigen Therapieerfolg. Bei ber 90 Prozent aller parodontal erkrankten Patienten ist keine chirurgische Behandlung ntig.

Parodontitis als Folgeerkrankung des Diabetes mellitus

Prvalenz, Schweregrad und Progression der Parodontitis und des Zahnverlustes sind mit Diabetes mellitus assoziiert. Unabhngig vom Diabetestyp sind die durchschnittliche Sondierungstiefe und der durchschnittliche klinische Attachmentverlust (Verlust der Verankerung der Zahnwurzel im Alveolarknochen) bei Diabetes mellitus signifikant erhht. Diabetes gilt nachweislich als Risikofaktor fr Parodontitis. Die Progression von Parodontitis ist bei Diabetikern beschleunigt, was sich auch in hherem Zahnverlust manifestiert.

Das erhhte Risiko, bei Vorliegen eines Diabetes mellitus an Parodontitis zu erkranken, steht im direkten Zusammenhang mit der glykmischen Kontrolle. Ist der Diabetes-Patient gut eingestellt, weist er kein erhhtes Risiko auf und spricht hnlich gut auf eine Parodontitistherapie wie Nichtdiabetiker an. Mit schlechterer glykmischer Kontrolle hingegen nimmt das Risiko fr eine parodontale Destruktion und Zahnverlust zu.

Auswirkungen der Parodontitis auf den Diabetes mellitus

Wie auch bei anderen chronischen Entzndungen weisen Diabetiker mit einer Parodontitis eine schlechtere glykmische Einstellung als parodontal gesunde Diabetes-Patienten auf. Mit Zunahme der Sondierungstiefe parodontaler Taschen oder des entzndeten parodontalen Gewebes steigt auch der HbA1c-Wert an. Das Vorhandensein schwerer Parodontitiden erhht die Insulinresistenz der Gewebe und erschwert so die Einstellung des Blutzuckers.

Aber auch bei Nicht-Diabetikern ist der Blutglukosespiegel mit Parodontitis bzw. deren Schweregrad assoziiert und das Risiko fr die Entstehung einer gestrten Glukosetoleranz bzw. eines Diabetes mellitus als Folge der parodontalen Erkrankung erhht. Darber hinaus haben Studien bei Pima-Indianern, die unter einer hohen Prvalenz des Typ-2-Diabetes leiden, gezeigt, dass Parodontitis das Risiko fr Diabetes-assoziierte Komplikationen steigern. Bei diesen Typ-2-Diabetikern mit schwerer Parodontitis war im Vergleich mit parodontal gesunden oder parodontal leicht erkrankten Diabetikern die Sterblichkeit aufgrund einer ischmischen Herzkrankheit 2,3-fach und einer diabetischen Nephropathie 8,5-fach sowie die Inzidenz von Makroalbuminurie 2,1-fach und die einer terminalen Niereninsuffizienz 3,5-fach erhht.

Eine erfolgreiche Behandlung der parodontalen Infektion reduziert nicht nur die lokalen Symptome der Erkrankung des Parodonts Zahnhalteapparat), sondern verbessert auch den Status des Diabetes. In einer Reihe von Meta-Analysen wurde nachgewiesen, dass durch eine effektive Parodontitistherapie die glykmische Einstellung bei parodontal erkrankten Diabetikern verbessert werden kann. Die Senkung des HbA1c-Wertes bei Typ-2-Diabetes lag drei Monate nach nicht-chirurgischer Parodontitistherapie zwischen 0,4 und 0,5 Prozent, was von der klinischen Bedeutung dem Hinzufgen eines zweiten Medikaments zu einer pharmakologischen Therapie bei Diabetes entspricht.

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Prventions- und Therapieempfehlungen fr das rztliche Team

Aufgrund der gut belegten wechselseitigen Beeinflussung von Parodontitis und Diabetes mellitus sollten Fragen nach Parodontalerkrankungen in die Anamnese bei der routinemigen Untersuchung von Diabetes-Patienten aufgenommen werden. Das kann mithilfe eines standardisierten Fragebogens (PDF) erfolgen.

Ferner weisen offenkundige Symptome der Parodontitis, wie Foetor ex ore, Zahnfleischbluten, gelockerte Zhne, Zahnwanderungen und/oder Zahnfleischabszesse auf eine manifeste Erkrankung hin und der Diabetiker sollte zum Zahnarzt zur Parodontalbehandlung berwiesen werden. Patienten mit Diabetes, die umfangreiche Zahnverluste erlitten haben, sollten ermutigt werden, die vollstndige Rehabilitation anzustreben, um die Wiederherstellung der Kaufunktion fr die richtige Ernhrung zu erreichen. Alle Diabetes-Patienten sollten ber Mglichkeiten zur oralen Prvention und Behandlung von Parodontalerkrankungen aufgeklrt werden.

Bei allen neu diagnostizierten Typ-1- und Typ-2-Diabetes-Patienten sollten parodontale Untersuchungen (durch den Zahnarzt) als Teil der laufenden Behandlung ihres Diabetes durchgefhrt werden. Selbst wenn zunchst keine Parodontitis festgestellt wird, ist eine jhrliche zahnrztliche Untersuchung zu empfehlen. Kinder und Jugendliche mit der Diagnose Diabetes sollten sich ab dem Alter von 6 bis 7 Jahren einer jhrlichen oralen Untersuchung durch einen Zahnarzt unterziehen.

Patientenaufklrung

Patienten mit Diabetes sollten wissen, dass das Parodontitis und Zahnverlustrisiko durch einen Diabetes erhht werden. Wenn sie bereits an Parodontitis erkrankt sind, mssen sie darber informiert werden, dass ihre Blutzuckereinstellung schwieriger sein kann und sie ein hheres Risiko fr diabetische Komplikationen wie Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen haben. Diabetes-Patienten sollten zudem darauf hingewiesen werden, dass andere orale Bedingungen wie Mundtrockenheit und Mundbrennen auftreten knnen. In diesem Fall sollten sie sich von ihrem Zahnarzt untersuchen lassen. Auerdem sind Patienten mit Diabetes einem erhhten Risiko fr orale Pilzinfektionen und fr Schleimhautvernderungen im Mund ausgesetzt und haben eine schlechtere Wundheilung als Nichtdiabetiker.

Im Zusammenhang mit dem erhhten parodontalen Erkrankungsrisiko und den damit verbundenen Komplikationen mssen sie besonders ber die Bedeutung der tglichen huslichen Mundhygiene wie auch ber die notwendige lebenslange Betreuung durch ihren Zahnarzt aufgeklrt werden. Neben der regelmigen tglichen Entfernung der Plaque (Zahnbelag) mithilfe einer Zahnbrste gehren hierzu auch die regelmige Anwendung von Zahnseide oder Zahnzwischenraumbrsten. Diabetes-Patienten sollten generell, auch ohne Beschwerden, regelmig zu den zahnrztlichen Kontrolluntersuchungen gehen.

Langfristiger Therapieerfolg durch interdisziplinre Zusammenarbeit

Sowohl Diabetes mellitus als auch Parodontitis sind Erkrankungen, die ber Fachgrenzen hinausgehen. Aufgrund evidenzbasierter Erkenntnisse ber ihre folgenschwere wechselseitige Beeinflussung erfordert die optimale Behandlung neben einem interdisziplinren Ansatz, der Zahnmedizin und Diabetologie einschliet, auch einen engen und vertrauensvollen Kontakt zwischen behandelndem Hausarzt/Internisten und Zahnarzt sowie eine sehr gute Patientencompliance.

Studien haben gezeigt, dass eine gute glykmische Einstellung den Langzeiterfolg der parodontalen Therapie sichert und sich auf der anderen Seite eine optimale Behandlung von Parodontopathien (Erkrankungen des Zahnhalteapparates) gnstig auf die Blutzuckerkontrolle von Diabetes-Patienten auswirkt und sogar langfristig zur Senkung des HbA1c-Wertes beitragen kann.

Vor diesem Hintergrund sollte knftig die fachbergreifende Kooperation zwischen zahnrztlich, hausrztlich oder internistisch ttigen Medizinern intensiviert und weiter ausgebaut werden. Davon knnten Patienten hinsichtlich verbesserter Frherkennung, Behandlung und Prognose ihres Diabetes profitieren.

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zuletzt bearbeitet: 18.10.2013 nach oben

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