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Typ-2-Diabetes: Bewegung ist die beste Medizin!

Pressemitteilung: Universität Ulm

Diabetologen und Sportwissenschaftler tagen in Ulm

Bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Diabetologie Baden-Wrttemberg (ADBW) Ende November in Ulm haben Diabetologen und Sportmediziner ein Umdenken bei der Behandlung von Typ.2-Diabetikern gefordert.

"Fr viele Patienten ist die 'Lifestyle-Intervention' die Therapie erster Wahl, denn krperliche Aktivitt und gesunde Ernhrung knnen diese Form der Zuckerkrankheit nicht nur verhindern, sondern auch effektiv therapieren", meint der Ulmer Diabetologe und ADBW-Sprecher Professor Reinhard Holl.

"Das Sofa ist ein gefhrlicher Ort", warnte Sportmediziner Professor Jrgen Steinacker beim Schwerpunktreferat des Ulmer Diabetologen-Fachkongress. Dort passiert in der Regel zwar nichts Gefhrliches, doch stundenlanges Sitzen vor dem Fernseher - oder auch am Schreibtisch - stellt fr groe Teile der Bevlkerung ein betrchtliches Gesundheitsrisiko dar. Denn die Deutschen werden nicht nur immer dicker, sondern auch immer fauler was sportliche Aktivitt und Bewegung angeht. "Nur 12 Prozent der Deutschen sind sportlich aktiv. Im europischen Vergleich hinken wir den Skandinaviern, Dnen, Niederlndern und sterreichern weit hinterher. Schlechter sind nur noch die Mittelmeerlnder, die so gut wie gar keinen Sport treiben. Europische Spitzenreiter sind wir dagegen in Adipositas und Diabetes, wo wir regelmig Platzb2 oder 3 belegen", beklagt der Leiter der Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin am Ulmer Uniklinikum.

bergewicht und Bewegungsmangel bergen groe Gesundheitsrisiken

Und das, obwohl der Mensch genetisch auf krperliche Aktivitt programmiert ist. "In der Steinzeit legte man oft bis zu 50 Kilometer am Tag zurck, heute sind es gerade mal zwischen 300 und 700 Meter", informiert Steinacker. Und was frher berlebenswichtig war, nmlich die Fhigkeit Nahrungsenergie im Fettgewebe zu speichern, birgt fr viele Menschen heute ein groes gesundheitliches Risiko. berernhrung und Bewegungsmangel sind - bei entsprechender genetischer Veranlagung - Hauptursachen fr Volkskrankheiten wie Adipositas und Typ-2-Diabetes.

Warum ist bergewicht so gefhrlich? Und wieso ist Sport gut bei Diabetes? "Fettgewebe ist ein endokrines Organ und setzt hormon-hnliche Substanzen frei, sogenannte Adipokine", erklrt der Sportmediziner. Diese senden bei starkem bergewicht verstrkt inflammatorische Signale aus, die sich als chronische Entzndungen im Gehirn, in den Gefen oder den Fettzellen bemerkbar machen. Parkinson und Atherosklerose beispielsweise wrden damit genauso begnstigt wie kardiovaskulre Krankheiten, darunter Herzinfarkt und Schlaganfall. "Auerdem frdern gewisse Adipokine die Insulinresistenz und damit die Entstehung von Diabetes Typ 2. Die Zellen nehmen die Glukose aus dem Blut nicht mehr auf, sodass der Blutzuckerspiegel steigt", erlutert Steinacker. Wenn die Kilos hingegen purzeln, sinken meist Blutzucker-, Blutdruck- und Blutfettwerte ganz automatisch.

Sport und krperliche Aktivitt knnten diese schdlichen Adipokin-Reaktionen ebenfalls parieren. Denn auch der arbeitende Muskel ist ein wichtiges sekretorisches Organ, das stoffwechselaktive Prozesse in Gang bringt, wie die Glukoseaufnahme aus dem Blut oder die Fettverbrennung. Verschiedene Myokine, das sind hormonhnliche Substanzen, die bei Muskelaktivitt freigesetzt werden, verbessern zudem Insulinproduktion und -resistenz, frdern die Durchblutung und das Knochenwachstum. Sogar entzndungshemmende Effekte und immunstrkende Wirkungen sollen durch aktive Muskelzellen ber diverse Myokine ausgelst werden.

"Zur Verbesserung der Blutzuckerwerte sollten bei Diabetes Typ 2 nicht immer nur neue Medikamente eingesetzt werden, sondern der Patient muss motiviert werden, sich mehr zu bewegen", regt Steinacker an und verweist an dieser Stelle auf die Plattform "Exercise is medicine", die die Bedeutung krperlicher Bewegung fr die gesamte Medizin herausstellt. Es gilt als wissenschaftlich belegt, dass eine Ernhrungsumstellung in Verbindung mit sportlicher Aktivitt bei Diabetes-Patienten so effektiv sein kann, dass Insulingaben kaum oder gar nicht mehr ntig sind. Steinacker: "Eine Einheit Sport macht sich bis zu 72 Stunden danach noch auf den Insulinstoffwechsel bemerkbar." Und je mehr Muskeln dabei beansprucht wrden, umso besser. Ratsam sei daher eine Kombination aus aerobem Ausdauersport und Krafttraining.

"Krperliche Aktivitt ist das beste Medikament", stimmt auch Dr. Petra Lcke von der AOK Mittlerer Oberrhein zu und ruft die anwesenden rzte auf: "Verordnen Sie mehr Bewegung!". Die AOK habe dafr eigens einen speziellen Rezeptblock entwickelt. Die Sportwissenschaftlerin weist in diesem Zusammenhang auf das breite Bewegungsangebot fr Diabetiker der Krankenkassen hin und hat zu guter Letzt noch einen ganz praktischen Tipp: "Wenn man den inneren Schweinehund an die Hand nimmt, ist man dabei nicht allein!"

Auch ber die Ernhrung kann das Diabetes-Risiko gesenkt werden

Ernhrungstipps der wissenschaftlichen Art lieferte Dr. Robert Wagner von der Universitt Tbingen in seinem Vortrag ber den Zusammenhang zwischen Ernhrung und Diabetes. Die Quintessenz aus den zahlreichen vorgestellten epidemiologischen Untersuchungen und Interventionsstudien: protektive Wirkung haben Nsse, Ballaststoffe, mehrfach ungesttigte Fettsuren, aber - ziemlich berraschend - auch Kaffee und Rotwein!

Das Diabetes-Risiko steigert hingegen der Konsum von Nahrungsmitteln mit hoher glykmischer Last und von rotem Fleisch. Gemieden werden sollen vor allem industriell gefertigte Lebensmittel mit hohem Transfettsuren-Anteil. Schlecht seien auch zu fette Nahrungsmittel wie Pommes oder Chips und se Softdrinks, da sie bergewicht frdern und schon dadurch Diabetes begnstigen. Frchte wie Blaubeeren, Trauben und pfel dagegen knnten helfen, Diabetes zu verhindern. Doch - wie die Tbinger Interventionsstudie zeige - sprchen nicht alle Diabetiker auf eine Vernderung des Lebensstils mit gesnderer Ernhrung und mehr Bewegung an. "Hierfr gibt es wohl vielfltige Ursachen, die bisher allerdings noch im Dunkeln liegen. Es wird also auch in den nchsten Jahren noch viel Forschungsbedarf und Tagungsstoff geben", so PD Dr. Sigrun Merger. Die Diabetes- und Adipositas-Expertin ist Oberrztin am Ulmer Uniklinikum und hat gemeinsam mit Professor Reinhard Holl (ZIBMT, Institut fr Epidemiologie und medizinische Biometrie) die diesjhrige Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Diabetologie Baden-Wrttemberg in der Mnsterstadt organisiert.

Die Tagungsveranstalter hoffen, dass sie mit der Schwerpunktsetzung auf die "Lifestyle-Intervention" nicht nur ein Bewusstsein fr das Problem Diabetes geschaffen haben, sondern auch fr dessen Lsung: eine gesndere Lebensfhrung mit besserer Ernhrung und mehr Bewegung. "Gut, wenn man sich dabei den inneren Schweinehund zum Freund machen kann", so Holl und zeigt auf den kleinen Schweinehund, das Maskottchen der Tagung.

zuletzt bearbeitet: 30.11.2013 nach oben

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