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Chancen und Risiken der digitalen Gesundheitskommunikation

8. APOLLON Symposium der Gesundheitswirtschaft

Whrend des 8. APOLLON Symposiums der Gesundheitswirtschaft am 25. November 2016 stand die digitale Gesundheitskommunikation im Mittelpunkt. Rund 250 Besucher aus dem deutschsprachigen Raum errterten das Thema im Spannungsfeld zwischen Meinungsbildung und Manipulation. Das Branchenforum im Bremer Swissôtel zog neben Studierenden viele Vertreter aus Wissenschaft, Unternehmen, Verwaltung und Gesundheitswesen an. Veranstalter war die APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft.

Die Besucher konnten sich in vier aufeinander folgenden Impulsvortrgen sowie an vier parallelen Diskussionsforen beteiligen. Ergnzend dazu prsentierten sich 17 Kooperationspartner der Hochschule, darunter Firmen, Vereine, Kliniken und Krankenkassen auf einer Branchenbrse im Foyer. In der angrenzenden APOLLON Hochschullounge trafen sich Studierende, Absolventen, Dozenten und Interessierte zum Austausch ber die vielfltigen Bildungsangebote der Fernhochschule. Whrend der Pausen sorgten die 'Steptokokken' mit Medizin-Comedy fr kurzweilige Unterhaltung. Highlight des Symposiums war die Verleihung des APOLLON Studienpreises.

Professor Dr. Bernd Kmmel, Prsident der APOLLON Hochschule, begrte die Teilnehmer des Symposiums mit einer Rckschau auf die Grndungszeit der Bildungseinrichtung: "Im Februar 2006 schrieb sich die erste Studentin im Fach 'Gesundheitskonomie' ein." Seitdem habe sich viel getan. "Vom 'Experiment-Status' bis heute ist die Zahl der Studierenden ebenso rasant gestiegen, wie das Team und die Palette der Lehrangebote", freute sich Kmmel. Mittlerweile zhle die APOLLON Hochschule rund 3.000 Studierende, ber 600 Bachelor- und Masterabsolventen sowie zahlreiche abgeschlossene Zertifikatskurse. Kein Wunder, dass sie bereits zum vierten Mal nacheinander zur beliebtesten Fernhochschule Deutschlands gewhlt wurde. Auch zuknftig will das Unternehmen der Klett Gruppe wachsen: Ab Mrz 2017 startet der neue Master-Studiengang 'Angewandte Gerontologie' sowie zustzliche Zertifikatskurse. Erstmals berief Professor Dr. Kmmel einen Honorarprofessor an die APOLLON Hochschule, denn zu Beginn des Symposiums berreichte er Dr. Michael Philippi feierlich seine Ernennungsurkunde. Der ehemalige Vorsitzende der Sana Kliniken AG besetzt an der Hochschule ab Dezember 2016 eine 'Honorarprofessur fr Gesundheitskonomie'. "Ich freue mich darauf, den Studierenden Einblicke und Hintergrnde zur praktischen Arbeit in Krankenhusern und Konzernen zu vermitteln", sagte Philippi, der ber eine hervorragende Expertise in der Fhrung von Gesundheitseinrichtungen verfgt.

Chancen und Risiken der Digitalisierung

Stephanie Dehne, gesundheitspolitische Sprecherin der Bremer SPD, stimmte in ihrem offiziellen Gruwort auf das Thema der Tagung ein. Mit dem Schwerpunkt 'Digitale Gesundheitskommunikation' sei das Symposium "am Puls der Zeit", sagte Dehne. Dank der Digitalisierung bten sich einerseits Chancen wie die Verbesserung der Arzt-Patienten Kommunikation, der vermehrte Einsatz der Telemedizin, effektivere Ablufe im Krankenhaus und eine strker personalisierte Medizin. Andererseits sehe sie Risiken durch Cyber-Attacken auf Krankenhuser. Sie knnten sensible Patientendaten oder die Technik im Operationssaal gefhrden. Als Voraussetzung fr die digitale Gesundheitskommunikation forderte sie daher Nutzerfreundlichkeit, Schutz vor Hacker Angriffen und eine hohe Datenschutz-Qualitt. "Die Digitalisierung darf nicht dem Markt allein berlassen werden, wie es bisher oft geschehen ist", warnte Dehne.

Wohin geht der Wandel in Medizin und Medien?

Dr. Hartmut Wewetzer, machte auf die Bedeutung des digitalen Wandels aufmerksam. "Wir befinden uns sowohl in der Medizin wie in den Medien inmitten einer digitalen Revolution, deren Ausgang wir noch nicht kennen", sagte der Medizinjournalist. Der Leiter des Wissenschaftsressorts beim Berliner 'Tagesspiegel' bernahm die Moderation des Symposiums. Gleich zu Beginn entwarf er drei Szenarien wie sich die digitale Gesundheitskommunikation weiter entwickeln knnte: 1. Die Brger wrden die Digitalisierung annehmen, sich vernetzen, Gesundheits-Apps nutzen und selbst zu einem Teil der "Maschinerie" werden (mehr ist mehr). Im 2. Szenario wrden aufgeklrte Verbraucher mit gesunder Ernhrung und Sport selbst fr ihre Gesundheit sorgen, seien eher technikkritisch und nhmen die Medizin so wenig wie mglich in Anspruch (weniger ist mehr). In der dritten Vision bliebe alles beim Alten und die digitale Gesundheitskommunikation pralle am "Wohlstandsbauch" der Gesellschaft ab (0 Szenario). "Welches Szenario wird zuknftig wohl Realitt?", fragte Wewetzer in die Runde. Darber solle sich das Publikum whrend des Symposiums ein Bild machen, regte der Moderator an, bevor er das Wort einem Kollegen bergab.

Gelegenheiten und Grenzen der Gesundheitskommunikation

Dr. med. Johannes Wimmer veranschaulichte in seinem Impulsreferat die "Mglichkeiten und Grenzen der digitalen Gesundheitskommunikation zur Patientenaufklrung". Wimmer ist in den deutschsprachigen Medien als TV- und Video-Arzt bekannt. Im Competenzzentrum Versorgungsforschung der Dermatologie (CVderm) am Universittsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) untersucht der Mediziner den Einfluss digitaler Patientenkommunikation wissenschaftlich und machte sich mit der Beratungsagentur MedServation in der Patientenaufklrung selbstndig. Die Bedeutung dieses Gebietes demonstrierte Wimmer an einem einfachen Beispiel: Patienten in der Notfallaufnahme klagten oft ber Fieber, obwohl sie nur eine erhhte Temperatur htten. "Studien belegen, dass 50 Prozent der Deutschen nicht wissen, dass man erst ab 38,5° C Fieber hat und 72 Prozent kaum Kenntnisse ber Diabetes haben", betonte Wimmer. Doch Patientenaufklrung gehre nun mal zu den Aufgaben von rzten, auch wenn sie jammerten, hundert Mal am Tag das Gleiche zu erklren. Hauptproblem sei die knappe Zeit-Kalkulation. rzten blieben statistisch gesehen nur sechs Minuten pro Patient, wenn sie wirtschaftlich arbeiten wollten. Eine Lsung fr dieses Problem sieht Wimmer in der digitalen Gesundheitskommunikation: Wenn man 30 Patienten mit einem gut verstndlichen Video informiert, bleibt im anschlieenden Arztgesprch genug Zeit fr individuelle Belange des Patienten. Noch effektiver seien drei Minuten Arztgesprch zum Abklren der Beschwerden, Videoaufklrung und weitere drei Minuten beim Arzt fr Nachfragen, so Wimmers Erfahrungen.

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Medien - Ergnzung oder Ersatz fr Mediziner?

Anhand mehrerer Studien-Beispiele verdeutlichte Wimmer wie Patientenaufklrung mithilfe audiovisueller Medien wirkt. So sei die Compliance (Therapietreue) bei der Medikamenteneinnahme und die Zufriedenheit von Klinikpatienten dadurch gestiegen. Ergebnisse eines Pilotprojekts am Universittsklinikum Essen belegten, dass die Nutzung der vorhandenen IT-Infrastruktur und medialer Kommunikation auf kostengnstige Weise dazu beitragen, Patienten auf das Arztgesprch vorzubereiten. Dies fhre nicht nur zu besser informierten Patienten, sondern auch zu mehr Zufriedenheit der rzte. Dank der Telemedizin liee sich auch die Wundversorgung und dermatologische Behandlung bedarfsgerechter organisieren. Der Patient schicke ein Foto der betroffenen Hautregion an die behandelnden rzte und Pflegekrfte. Diese entschieden, aufgrund der Fotos und der Aussagen des Patienten, wann der nchste Termin ntig sei. So knne man beschwerliche Praxisbesuche ersparen. "Aber knnen Videos denn rzte ersetzen?", wollte Moderator Wewetzer in der anschlieenden Diskussion wissen. "Nein, auf keinen Fall", betonte Wimmer, "aber sie knnen sie ergnzen!" Die Menschen htten ein groes Bestreben, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen, daher seien TV-Magazine so beliebt. Aber vor allem vertrauten sie ihren rzten.

Vom Suchen und Finden der 'besten' Mediziner

Welchen rzten Patienten tatschlich vertrauen und warum, darber sprach Professor Dr. Martin Emmert in seinem Impulsreferat zum "Einfluss von Bewertungsportalen auf die Gesundheitsversorgung." Der Juniorprofessor fr Versorgungsmanagement an der Universitt Erlangen-Nrnberg befasst sich mit 'Public Reporting', der ffentlichen Bewertung medizinischer Leistungen. Wesentliches Instrument dafr sind Arztbewertungsportale oder Klinikfhrer, erklrte der Betriebswirtschaftler. Beispielhaft stellte er Jameda, 'Deutschlands grte Arztempfehlung', vor. Das Internetportal listet 150 Millionen Bewertungen und 85.000 online buchbare Termine bei 275.000 eingetragenen rzten auf. Emmert interessierte insbesondere die Frage: Knnen solche Bewertungsportale die Versorgungsqualitt verbessern? Dazu hinterfragte er die Hypothese Donald Berwick's (Berwick et al, Medical Care, Vol 41, Nr.1, 2003), dass es zwei Mechanismen zur Qualittsverbesserung im Gesundheitswesen gibt. Bewertungsportale knnen demnach Patienten auf die besten rzte und Kliniken hinweisen (Prinzip 'Selection') oder sie zu einer besseren Qualitt anspornen (Prinzip 'Change'). Dem stellte Emmert den Standpunkt Rachel Werners und David Asch's (Werner RM & Asch DA, Jama 2005; 293) gegenber. Sie shen zwar einen Zusammenhang zwischen ffentlicher Bewertung und dem Bekanntheitsgewinn von rzten, aber keine Qualittsverbesserung ihrer medizinischen Leistungen. Stattdessen befrchteten sie ebenso negative Effekte und betonten den Mangel an wissenschaftlichen Studien.

Wo Qualitt drauf steht, wird auch Qualitt geleistet?

In eigenen Studien untersuchte Emmert, ob Bewertungsportale Voraussetzungen erfllen mssen, um die Versorgungsqualitt positiv zu beeinflussen. Neben der reinen Existenz, der Bekanntheit und dem tatschlichen Gebrauch der Portale analysierte er auch die Verstndlichkeit und den Nutzen ihrer Inhalte. Auerdem beleuchtete er den tatschlichen Einfluss auf die Versorgungsqualitt von der Patientenseite ('Selection') und Medizinerseite ('Change'). "In Deutschland gibt es insgesamt 31 Arztbewertungsportale", wei Emmert aus 2016 durchgefhrten Erhebungen. Solche Onlineportale seien bei 54 Prozent der Deutschen bekannt. Jeder Vierte nutze sie, jeder Zehnte habe selbst schon eine Bewertung abgegeben. Fast alle rzte erhielten bereits eine Einschtzung, nur vier Prozent mit der Schulnote sechs. "Von 'rzte-Bashing' kann also nicht die Rede sein", unterstrich Emmert. Zwei Drittel der Nutzer wrden sich nach den Empfehlungen im Netz richten und damit auch einen Einfluss auf die Arzt-Auswahl nehmen. Aber es hapere an der inhaltlichen Verstndlichkeit und dem Nutzen der Portale: "Nur 40 Prozent der Patienten finden dort tatschlich den 'besten' Arzt", so Emmert alarmiert. Wenig Nutzen habe beispielsweise das 'Deutsche Krankenhausverzeichnis': "Fr alle, die nicht Epidemiologie studiert haben, ist es unverstndlich!" Zudem stimme nur bei der Hlfte der Befragten die Bewertung im Netz mit der Realitt in der Praxis berein. Was medizinische Qualitt ausmacht, ist also nur schwer fr Otto-Normalverbraucher zu erkennen. Soft Skills wrden hufig berbewertet, echte Qualittsmerkmale nicht (an)erkannt. "Auf dem Gebiet gibt es also noch viel zu tun", lautete Emmerts Fazit, mit dem er die Zuhrer nachdenklich in die Pause entlie.

'Pflasterfahndung' im Publikum

Dort fanden sie rasch Abwechslung mit den 'Steptokokken'. Musikerin Inken Rhrs und Komdiantin Elisa Salamanca bewegten und begeisterten mit ihrem Entertainment. Denn das Knstlerduo sorgte nicht nur mit Jazzmusik und Gesang fr lockere Stimmung. Im 'Walk Act' gingen die beiden vermeintlichen Krankenschwestern rund um das Foyer auf 'Pflasterfahndung': Ausgestattet mit Schere, Spritze und Schabernack, lieferten sie jede Menge berraschungen. So wandten sich die 'Pflegekrfte' mit 'fachkundigen Fragen' an das Publikum, 'impften' ahnungslose Tagungsteilnehmer mit 'hochdosiertem' Humor oder posierten bereitwillig fr ein Selfie mit 'Schwester'. Wem das zu komisch wurde, der konnte sich an den Stnden der Branchenbrse ber das Angebot von Krankenkassen, Kliniken, Verlagen, Vereinen und anderen Ausstellern informieren. Studierende, Absolventen, Dozenten und Interessierte tauschten sich nebenan in der 'APOLLON Hochschullounge' ber Inhalte der Studiengnge oder Zertifikatskurse aus.

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Gesundheitskommunikation im gesellschaftlichen Wandel

Nach der Pause richtete Christoph Koch, Leiter des Wissenschaftsressorts beim 'Stern', den Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen. In seinem Impulsreferat verdeutlichte er an einem Organigramm die Komplexitt unseres Gesundheitssystems. Von den Patienten, rzten, Krankenhusern und Krankenkassen bis hin zur gesetzgeberischen Ebene in Ministerien und Bundestag sind die Akteure untereinander mehrfach vernetzt. Dies erklre, wie untrennbar Gesundheitskommunikation und Gesundheitssystemkommunikation zusammenhngen wrden.

Welche Konsequenzen sich in der Praxis daraus ergben, habe man im Wahlkampf zum britischen EU-Referendum gesehen: EU-Gegner versprachen, anstelle der 350 Millionen Pfund in EU-Beitrge das Geld ins britische Gesundheitssystem zu stecken, wenn die Briten den EU-Austritt whlten. "Der Brexit kam und die Populisten nahmen ihr Versprechen zurck", erluterte Koch die Manipulation der Brexit-Politiker. Hauptproblem hierzulande sei die Komplexitt und der mangelnde Austausch ber unser Gesundheitssystem. Das fhre zu fehlenden Kenntnissen ber die Zusammenhnge und subjektiver Wahrnehmung von Missstnden. Aus der Praxis kenne man etwa die Patientenfrage: "Warum muss ich immer so lange warten, bis ich an der Reihe bin?" Die Situation fhre leicht zu Vorurteilen und mache unser Gesundheitssystem anfllig fr populistische Kampagnen. "Einfache Wahrheiten" und "populistische Konzepte" werden auch bei uns mehr Befrworter finden, befrchtet Koch.

Gesundheitsinformation - Wie es euch gefllt

Groen gesellschaftlichen Einfluss auf die Gesundheitskommunikation habe der technische Fortschritt, insbesondere der Wandel in den Medien. Beispielhaft nannte Koch das Internet, zu dem inzwischen ber 80 Prozent der deutschen Haushalte Zugang htten. Bedenklich sei allerdings: Gerade von der Altersgruppe ab 6O Jahren, die das hchste Erkrankungsrisiko trage, werde es am seltensten genutzt. Die digitale Kluft (digital divide) zwischen netzaffinen Info-Junkies und traditionell informierten Bevlkerungsteilen betreffe also auch die Gesundheitskommunikation. "Wir Kommunikatoren dachten bisher, dass alle so interessiert sind wie wir, aber das war eine Fehleinschtzung", bedauerte Koch selbstkritisch. Hier sei noch viel zu tun. Daher forderte er andere Informationsstrategien, um auch ltere und bildungsferne Zielgruppen zu erreichen. Viele fhlten sich von der Informationsflut der Medien berfordert und wnschten sich mehr Anleitung von einem "Leader". Manch einer vermisse sogar die autoritre Arzt-Persnlichkeit. Dieser Situation muss in der Forschung und Ansprache mehr Rechnung getragen werden, wnschte sich Koch fr die Zukunft. "Wie stellen sie sich denn mehr 'Leadership' bei Facebook konkret vor?", fragte ein Zuhrer in der angeregten Diskussion nach dem Vortrag. "Die Informationsangebote mssen attraktiver gestaltet werden", antwortete Koch und nannte Eckart von Hirschhausen als positives Beispiel, weil seine Sendungen ebenso populr wie wahrheitsgetreu seien.

(Sozial-)Verhalten in Sozialen Medien

Um das "Informations- und Kommunikationsverhalten in der digitalen Gesundheitskommunikation" ging es auch im gut besuchten Forum 1. Dr. Jan-Hinrik Schmidt, Referent am Hans-Bredow-Institut, Hamburg bezog sich auf Soziale Medien ('Social Media'). Der Soziologe erforscht, wie sie die Beziehungspflege verndert. Von den Internetnutzern in Deutschland befnden sich 68 Prozent mindestens einmal pro Woche auf 'WhatsApp', 42 auf 'Wikipedia', 40 auf 'Facebook', 40 auf 'YouTube', 12 auf 'Instagram' und 8 auf 'Twitter' (ARD/ZDF Onlinestudie 2016). Als 'Hybride Medien' ermglichten sie sowohl Individual- als auch Massenkommunikation. In ihrer Funktion als 'Intermedire' knnten sie Informationen anderer Medien wie Zeitungen oder Filme verbreiten. Jeder knne sein personalisiertes Informationsangebot zusammenstellen und ebenso individuell auf andere Beitrge reagieren. Schmidt kritisierte jedoch, dass durch Softwareeinstellungen, konomische Interessen der Betreiber und Nutzerverhalten, so genannte Filterblasen, entstnden: "Gesteuert durch mathematische Algorithmen bekommt man immer nur die Art von Information, die man sowieso schon gesehen, geliked oder geteilt hat." Dennoch seien Soziale Medien seit etwa fnf Jahren ein wichtiger Bestandteil der ffentlichkeit.

'YouTube': Gesundheitsjournal der Jugend

Professor Dr. Nicola Dring erforscht am Institut fr Medien und Kommunikationswissenschaft (IfMK) der Universitt Ilmenau Gesundheitskommunikation auf 'YouTube'. Das Video-Portal sei bei den Deutschen sehr beliebt; 80 Prozent der Jngeren nutzten es regelmig. Auch dessen Angebot an Videos ber Gesundheitsthemen wachse der Datenbank PubMed zufolge - von knapp 40 im Jahr 2010 auf fast 140 Publikationen in 2016. Jugendliche favorisieren Ratgeberformate ber Fitness, Wellness oder psychische Beschwerden, wei Dring aus eigenen Studien. Viele 'YouTube'-Videos thematisierten prventive Gesundheitsthemen wie Impfung oder Ernhrung und erzielten groe Reichweiten. Zum Anbieterspektrum zhlte die Psychologin sowohl klassische Medien (Fernsehsender), Experten aus Wissenschaft und Praxis, Firmen, Laien oder 'YouTuber'. Letztere seien aktuell am erfolgreichsten, was viele Tagungsteilnehmer berraschte. Spitzenreiter wre der Selbsterfahrungsbericht "Mein Kampf gegen Akne/Pickel…" mit gigantischen 886.679 Aufrufen, schmunzelte Dring. ber die Videos wrden sowohl positive Effekte wie Motivation, Handlungsanleitung oder End-Stigmatisierung von Krankheiten, als auch negative Wirkungen durch Desinformationen (Impfgegner), riskante Praktiken (Extremditen) oder Kommerzialisierung (Supplemente) erzeugt. Trotz dieser Erkenntnisse bleibt noch viel zu tun, appellierte Dring an Studenten und Wissenschaftler, denn es mangelt an Studien zur Mediennutzung und -wirkung sowie Vergleichen mit Print-Medien. "Ich habe schon jetzt viel dazu gelernt", sagte eine Zuhrerin in der anschlieenden Diskussion und weitere stimmten ihr zu.

Vom Halbgott in Wei zum Arzt auf Augenhhe

Im Forum 2 stand die Arzt-Patienten-Kommunikation im Mittelpunkt. Die Digitalisierung hat das Kommunikationsverhalten der Menschen in den letzten zehn Jahren verndert und mit ihr die Rollenbilder in Kliniken und Praxen, darin waren sich die Forumsteilnehmer einig. Dr. Johannes Bittner, Projektmanager der Bertelsmann Stiftung, prsentierte dazu die Ergebnisse seiner 2015 bei der Stiftung durchgefhrten Patientenumfrage. Viele Patienten htten konkrete Erwartungen an ihre rzte. Demnach wnschen sich 45 Prozent der Befragten Videosprechstunden und etwa ebenso viele Medikamente ber 'Fernverschreibung'. "Die Mehrheit will ihren Arzt auch telefonisch oder Online konsultieren knnen", so Bittner. Dies sei bei vielen Diagnosen und Situationen auch mglich. Vorteile sieht er insbesondere fr chronisch Erkrankte, bei Besprechungen von Untersuchungsergebnissen und aufgrund der Zeitersparnis. rzte seien da reservierter. Sie htten rechtliche und konomische Bedenken, sorgten sich um das Arzt-Patienten-Verhltnis oder besen einfach wenig Technikaffinitt. In der Diskussion zeigte sich, dass jngere Mediziner durchaus positiv gegenber digitalen Medien eingestellt sind und der digitale Wandel sich erst am Anfang befindet. Mehrere Diskutanten uerten einen riesigen Forschungsbedarf auf dem Gebiet. Wesentlich sei jedoch die Haltung zum Patienten und seinen Bedrfnissen.

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Webcare via Webware

Die Teilnehmer im Forum 3 beschftigten sich mit den Zielen, Instrumentarien und Botschaften der digitalen Gesundheitskommunikation. Dr. Guido Ncker von der Bundeszentrale fr Gesundheitliche Aufklrung (BZgA), Kln legte den Fokus auf Internet- und Soziale Medien fr die gesundheitliche Aufklrung. Im Rahmen einer Online-Umfrage untersuchte das BZgA-Forscherteam die Akzeptanz, Erkennbarkeit und Vertrauenswrdigkeit von Gesundheitsforen (Laien-Austausch ber Gesundheitsfragen), Infoportalen und Facebook Fanseiten, nachdem diese Medien durch Informationen, Antworten oder Reaktionen der BZgA Social-Media Redakteure betreut wurden. Diese Betreuung bezeichnete Ncker als 'Webcare' (Netzpflege). Hierzu wurden fremde (nicht BZgA) Medien via online Software, so genannte 'Webware', zu den Themen Sexualaufklrung und Familienplanung eingesetzt. Die befragten Nutzer schtzten die 'Netzpfleger' der BZgA wegen ihrer Vertrauenswrdigkeit, Kompetenz und Sachlichkeit. ber die Foren konnten zwar mehr User erreicht werden, dafr war aber die Resonanz auf den Websites hher. Inhaltlich begrten die User die Beschrnkung auf gesundheitliche Kernthemen. Webcare steigert auch die Bekanntheit der BZgA eigenen Aufklrungsangebote und deren Reichweite, fasste Ncker die Ergebnisse zusammen. Bei dem hufigen Wunsch nach Erfahrungsaustausch unter Gleichgesinnten seien den BZgA-Redakteuren jedoch Grenzen gesetzt, weil dieser nicht von Expertenseite geleistet werden knne.

Apps zum Informieren und Aktivieren

Im zweiten Teil stellte Professor Dr. Viviane Scherenberg, Dekanin fr Prvention und Gesundheitsfrderung der APOLLON Hochschule, die Mglichkeiten von Gesundheits-Apps fr Aufklrung und Prvention vor. Einer aktuellen Bitkom Studie zufolge nutzen 30 Prozent der Deutschen solche Smartphone-Applikationen (Apps). Im Vergleich mit anderen Lndern liege Deutschland damit im Mittelfeld. "Typische Nutzer sind junge Technik affine Mnner", so Scherenberg. 55 Prozent der Deutschen setzten Apps zur Verbesserung von Fitness und Gesundheit ein, ebenso viele zur Bewegungs-Motivation, etwa als Schrittzhler. Wichtige Voraussetzungen fr Qualitt sind Scherenbergs Untersuchungen zufolge die Entwicklung durch Experten-Teams, Nutzerfreundlichkeit und Motivationselemente. Die Ergebnis-Qualitt knne an der Nutzungsdauer, den Verhaltensnderungen und dem Gesundheitszustand der User gemessen werden. Doch "ein Drittel aller Apps werden nach drei Monaten nicht mehr verwendet", gab Scherenberg zu bedenken. Chancen sieht sie in der guten Erreichbarkeit, der Angebotsvielfalt und Individualisierbarkeit der niedrigschwelligen IT-Helfer. Grenzen ergben sich durch mangelnde Qualitt, Unbersichtlichkeit oder Wissensdefizite beim Nutzer. Apps seien auch fr Gesundheitsunternehmen hilfreich. Scherenberg kritisierte jedoch, dass sie oft zu Marketingzwecken ausgenutzt wrden.

Kommunikation zwischen Information und Manipulation

Im Forum 4 standen "Ethische und Datenschutzrechtliche Dimensionen der digitalen Gesundheitskommunikation" im Mittelpunkt der Diskussion. Der Schutz von sensiblen Gesundheitsdaten muss im Rahmen der digitalen Kommunikation besonders bercksichtigt werden. Dr. Doreen Reifegerste, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut fr Journalismus und Kommunikationsforschung (IJK), Hannover beleuchtete ethische Herausforderungen in der Gesundheitskommunikation. Patienten seien einer Vielzahl unterschiedlicher Gesundheitsinformationen ausgesetzt, die auch unerwnschte Wirkungen erzeugen knnten. Als Lsungsanstze nannte Reifegerste Gesundheits- und Medienkompetenz, E-Health Literacy, mit der Fhigkeit zur kritischen Quellenbeurteilung. Einer Befragung des 'Gesundheitsmonitor 2015' zufolge sind rzte und Apotheker glaubwrdigere Quellen fr Patienten als Zeitungen oder Internetforen. Die Qualitt digitaler Gesundheitskommunikation knne beispielsweise an der Nutzerfreundlichkeit, Quellenangaben und Verbraucherbewertungen erkannt werden. Big Data, die Anwendung groer Datenmengen, bte Chancen, etwa zur Frherkennung oder Erforschung von Krankheiten grerer Patientengruppen. Als Risiken befrchtet sie jedoch Diskriminierungen, den Weiterverkauf von Patientendaten oder Aufschlge auf Krankenkassen-Beitrge.

Gesundheitsdaten gesetzlich geschtzt

Solch ein Missbrauch von Gesundheitsdaten stellt eine Verletzung des Grundrechts auf die informationelle Selbstbestimmung dar. ber diesen Aspekt referierte Dr. Imke Sommer, Landesbeauftragte fr Datenschutz und Informationsfreiheit der Freien Hansestadt Bremen. Sie wies insbesondere auf juristische Zusammenhnge zur Europischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) hin, die ab 25. Mai 2018 gilt. Diese fut auf der Europischen Grundrechtecharta mit dem Recht auf den Schutz personenbezogener Daten, Achtung von Privatleben und Kommunikation. Artikel 5 beinhalte das Gebot der Datenminimierung. Bei Versto drohen Geldstrafen bis zu 20.000.000 Euro, warnte Sommer. Doch der allgemeine Trend zur Ansammlung von riesigen Datenmengen ('Big Data') steht dem Gebot der Datenminimierung entgegen. Das Problem: Smarte Anwendungen wie Praxissoftware, Telemedizin und vernetzte IT-Systeme in Krankenhusern bedienen sich dem 'Big-Data'. Nach dem DGSVO gelten grundrechtliche Anforderungen an 'smarte' Anwendungen, beispielsweise der Verzicht oder die Anonymisierung personenbezogener Daten oder die freiwillige Einwilligung, erklrte Sommer. Als Mittel fr einen erschwerten Zugang zhlte sie technische und organisatorische Manahmen wie Verschlsselung und Zugriffskontrollen auf.

Abschluss mit Auszeichnung

Am Nachmittag prmierte die Hochschule die besten Abschlussarbeiten mit dem APOLLON Studienpreis. Am Wettbewerb konnten alle Absolventen teilnehmen, die im vergangenen Jahr ihre Bachelor- oder Masterarbeit mindestens mit der Gesamtnote 1,5 abschlossen. 15 Personen beteiligten sich - die meisten im Fach Gesundheitskonomie. Whrend der Mittagspause hatten sie ihre Thesen vor Interessierten auf der Tagung per Poster prsentiert. Eine siebenkpfige Jury aus Hochschulprofessoren, Alumni, Tutoren, externen Wissenschaftlern und Krankenkassen-Vertretern whlte jeweils drei Bewerber mit Bachelor- und Masterabschluss. Dr. Christoph Herborn, Medizinischer Direktor der Asklepios Kliniken Hamburg GmbH, berreichte als Sponsor die Studienpreise an die Gewinnerinnen. Den ersten Preis bei den Masterarbeiten erhielt Yvonne Marx mit einer Machbarkeitsstudie zur Reduktion von Polypharmazie. Der zweite Preis ging an Carmen Mller, die sich mit individuellen Lsungen zu Finanzierung und Service von medizintechnischen Produkten befasste. ber den dritten Preis freute sich Daniela Ulbrich. Sie untersuchte die Auswirkungen der gesetzlichen Neuerung zur ambulanten spezialfachrztlichen Versorgung. Unter den Bachelor-Absolventen gewann Alexandra Sagel mit ihrer Arbeit ber "Lieferengpsse bei Arzneimitteln in Deutschland" den ersten Preis. Melanie Damme bekam den zweiten Preis fr ihre Untersuchungen zum Thema Risikomanagement in Gesundheitseinrichtungen. Den dritten Preis erhielt Jana Lichtnauer mit einer Bachelorarbeit ber Erkennung und Handlungsempfehlungen bei einer Depression nach einem Schlaganfall.

Gesundheitskompetenz beeinflusst Gesundheitszustand

Als Schlussredner sprach Dr. Bernard Braun, Gesundheitswissenschaftler am Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik (SOCIUM) der Universitt Bremen. In seinem Impulsreferat beleuchtete er die Gefahren der Gesundheitskommunikation. Als Voraussetzung fr eine kritische Auseinandersetzung nannte er: 1. Medienkompetenz - die Fhigkeit, in unserer Medienwelt selbstbestimmt, kritisch und sozial verantwortlich zu handeln. 2. 'Critical Thinking': Die Kompetenz zu rationalem, analytisch wissenschaftlichem Denken, gesttzt auf Beweise. 3. Gesundheitskompetenz oder 'Health Literacy' als Erfahrung, im Alltag Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die eigene Gesundheit auswirken. Ohne diese Fhigkeiten knnten Patienten im Dschungel unseres Gesundheitssystems mit all seinen Angeboten, Formalitten und Beschrnkungen kaum klarkommen. Im Vergleich mehrerer europischer Lnder habe die deutsche Bevlkerung unterdurchschnittliche Gesundheitskompetenzen. Einer Studie zufolge (Zok, 2014) hatten 45 Prozent der gesetzlich Versicherten problematische oder unzureichende Kenntnisse ber unser Gesundheitssystem, betonte Braun. Insbesondere rmere und weniger gebildete Menschen gehrten dazu. Sie hielten empfohlene Therapien seltener ein und htten hhere Erkrankungs- sowie Sterblichkeitsrisiken als andere Patienten. Gerade fr diese Gruppe sei gesundheitliche Aufklrung so wichtig. Dafr bentigten sie aber ausreichend Medienkompetenz.

Medienkompetenz beeinflusst Gesundheitskompetenz

Dazu msse man bedenken, dass 14,5 Prozent der erwachsenen Deutschen (7,5 Millionen) keine zusammenhngenden Stze lesen und schreiben knnten und weitere 25,9 Prozent (13,3 Millionen) erhebliche Schwierigkeiten damit htten. "Das bedeutet, dass gerade die Patienten mit dem grten Bedarf die geringste Gesundheitskompetenz haben", betonte Braun. Auch der Blick auf die Mediennutzung sei alarmierend: "2015 informierten sich nur 4 Prozent der Deutschen regelmig ber gesundheitspolitische Themen (Bandelow et al 2015). ber andere Gesundheitsthemen informierten sich 2015 immerhin 89 Prozent. Die meisten jedoch in Gesprchen bei ihren rzten, Apothekern oder Bekannten.

Unter den Medien schnitten kostenlose Broschren von Krankenkassen und Apotheken noch am besten ab. Das knne an der fehlenden Reichweite liegen, aber auch am fehlenden Vertrauen der Brger. Mit der Medienschelte von PEGIDA-Anhngern habe es jedoch nichts zu tun. Eine Bertelsmann Studie besttige, "dass etwa 60-70 Prozent der Erwachsenen hierzulande kein Vertrauen in die Medien haben, Tendenz steigend." Ergebnisse einer sterreichischen Studie gben ihnen Recht: Nur in 11 Prozent der untersuchen 535 Print und 455 Online-Artikel mit Gesundheitsinhalten waren die Aussagen wissenschaftlich gesichert! Angesichts dieser Zahlen war Brauns Fazit nicht verwunderlich: "Es ist erschreckend, wie wenig belastbares Wissen groe Teile der Bevlkerung ber Gesundheitsthemen haben!" Das Publikum stimmte er mit diesen Aussagen berwiegend nachdenklich.

Rckblick, Resmee und Ausblick

Tagungsmoderator Hartmut Wewetzer relativierte den Eindruck, whrend er die Beitrge des Symposiums Revue passieren lie. Seine Frage, welches der drei anfangs skizzierten Zukunftsszenarien der Gesundheitskommunikation sich durchsetzen wird, knne auch nach dem Symposium nicht geklrt werden. Neben den "Pessimisten", zu denen er Braun, Koch und Reifegerste zhlte, gbe es auch "Optimisten". So htten die Vortrge von Emmert, Wimmer und Dring ein positives Bild der Gesundheitskommunikation gezeichnet. "Vielleicht ist die ffentlichkeit doch aufgeklrter als wir glauben, nur nicht so gut wie wir uns wnschen", lautete Wewetzers Resmee. Anschlieend fanden sich die Teilnehmer zum Get-together im Foyer zusammen, um darber zu diskutieren und sich in entspannter Atmosphre auszutauschen. Eine detaillierte Information ber die einzelnen Vortrge wird Anfang 2018 in einem erweiterten Tagungsband im APOLLON University Press Verlag erscheinen. Das 9. APOLLON Symposium der Gesundheitswirtschaft wird am 10. November 2017 wie gewohnt im Swissôtel Bremen stattfinden. Weitere Informationen gibt es ab Sommer 2017 auf der Webseite der Fernhochschule unter www.apollon-hochschule.de.

Diese Pressemitteilung wurde über den - idw - versandt.

zuletzt bearbeitet: 13.01.2017 nach oben

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