Das unabhängige Diabetes-Portal DiabSite

Home > Aktuelles > Diabetes-Nachrichten > Archive > 2017 > 171016

Schilddrüsenunterfunktion bei Älteren

Werte zunächst kontrollieren und nicht immer behandeln

Lebensalter und Begleiterkrankungen wie Diabetes berücksichtigen

Symptome wie Klteempfindlichkeit, Mdigkeit oder depressive Verstimmungen knnen auf eine Unterfunktion der Schilddrse hinweisen. Bei ber 65-Jhrigen ist der TSH-Wert, der anzeigt, ob eine Schilddrsenfunktionsstrung vorliegt, allerdings altersbedingt hher als bei Jngeren. Hher heit nicht unbedingt, dass die Unterfunktion behandelt werden muss. Auch kann es zu einer spontanen Normalisierung der TSH-Werte kommen, und die Leitlinien empfehlen hier deshalb ein sehr zurckhaltendes Vorgehen. Darauf weisen Experten der Deutschen Gesellschaft fr Endokrinologie (DGE) anlsslich der im New England Journal of Medicine verffentlichten TRUST-Studie hin.

In der Schilddrse werden die zwei zentralen Hormone, das Thyroxin (T4) und das Triiodthyronin (T3) gebildet, die den Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System und das Wachstum beeinflussen. Reguliert wird das Organ ber die Hirnanhangdrse, deren thyreo-stimulierendes Hormon (TSH) Jodaufnahme und Hormonproduktion in der Schilddrse anregt. Fr Erwachsene gilt ein TSH-Referenzbereich von etwa 0,4 bis 4,0 mU/l. "Erhhte TSH-Werte sind hufig. Wenn sie oberhalb des definierten Laborreferenzbereiches liegen, interpretieren Mediziner sie oft automatisch als Schilddrsenfunktionsstrung und ordnen sie als latente oder subklinische Schilddrsenunterfunktion ein", sagt Professor Dr. Dr. med. Dagmar Fhrer, Mitglied im Beirat der DGE-Sektion Schilddrse. Doch nicht immer steckt dahinter ein krankhafter Befund: "Vor allem bei lteren Menschen, bei denen der TSH-Wert aufgrund des Lebensalters ohnehin erhht ist, bei denen die Symptome variabel sind und oft auch Begleiterkrankungen vorliegen, muss der behandelnde Arzt bei der Interpretation der Laborwerte den Faktor Alter mit einbeziehen", so Fhrer, die die Klinik fr Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universittsklinikum Essen leitet.

Welchen Einfluss das Lebensalter auf den Behandlungsnutzen einer Schilddrsenhormonsubstitution bei lteren hat, untersuchten Forscher in einer groen, ber fnf Jahre laufenden Studie, die im Juni 2017 im New England Journal of Medicine verffentlicht wurde. An der TRUST-Studie nahmen insgesamt 737 ber 65-Jhrige teil, bei denen ein TSH-Wert zwischen 4,60 und 19,99 mU/l vorlag. Eine Hlfte der Gruppe erhielt zur Hormonsubstitution den Wirkstoff Levothyroxin, die andere Hlfte ein Placebo. Nach einem Jahr Therapie wurden keine Verbesserungen von Lebensqualitt und Mdigkeitsempfinden beobachtet. Die Autoren der TRUST-Studie kamen zu dem Schluss, dass ltere Menschen von einer medikamentsen Behandlung mit Levothyroxin nicht profitieren, denn am Befinden der Patienten nderte sich nichts. "Aus diesen Ergebnissen jedoch neue Empfehlungen abzuleiten, wre falsch", erklrt Fhrer.

Eine differenzierte Analyse der Studie zeige seit Langem bekannte Regelsysteme der Schilddrsenhormone. "60 Prozent der Studienpopulation mit TSH-Erhhung - das waren 2.647 Personen - hatten bei einer Wiederholungsuntersuchung zu einem spteren Zeitpunkt normale Schilddrsenwerte", so die Expertin. Leicht erhhte TSH-Werte bis 7 mU/l normalisierten sich hufig spontan. Das zeigten auch frhere Untersuchungen. Fr den klinischen Alltag bedeute das: Ein gering erhhter TSH-Wert msse erst einmal besttigt werden. Das heit, er sollte nach zwei bis drei Monaten kontrolliert werden; erst danach ist eine weitere Abklrung auf eine urschliche Schilddrsenerkrankung angezeigt. Wenn der TSH-Wert bei > 10 mU/l liegt, bestehe ein erhhtes Risiko fr Fettstoffwechselstrungen, kardiovaskulre Ereignisse und eine beeintrchtigte Lebensqualitt.

Eine pragmatische Empfehlung sei deshalb, bei lteren Patienten, die an anderen Erkrankungen wie Bluthochdruck, bergewicht, einer koronaren Herzkrankheit oder Diabetes leiden, ab diesem Wert eine Schilddrsenhormonsubstitution zu starten. "Der zu erzielende Wert sollte altersbezogen eingestellt werden; also bei lteren Patienten durchaus auf TSH-Konzentrationen von 4 bis 6 mU/l", so Fhrer. "Die Teilnehmer der TRUST-Studie hatten brigens im Mittel - vor Therapiebeginn - TSH-Werte um 6,4 mU/l. Das drfte miterklren, warum kein Behandlungsbenefit eintrat", ergnzt die Expertin aus Essen. An den geltenden - auch leitliniengemen - Diagnostik- und Therapieempfehlungen ndern die TRUST-Ergebnisse nichts. Sie besttigen sie eher.

Quellen

  • Stott DJ et al.: Thyroid Hormone Therapy for Older Adults with Subclinical Hypothyroidism. N Engl J Med 2017;376:2534-44. DOI: 10.1056/NEJMoa1603825.

  • Scherbaum W, Fhrer D: TRUST-STUDIE. Differenzierte Betrachtung fhrt zu anderer Interpretation.

  • Deutsches rzteblatt, Jg. 114, Heft 21, 26. Mai 2017.

  • Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen, Stoffwechsel und den Erkrankungen auf diesem Gebiet. Hormone werden von endokrinen Drsen, zum Beispiel Schilddrse oder Hirnanhangdrse, aber auch bestimmten Zellen in Hoden und Eierstcken, "endokrin" ausgeschttet, das heit nach "innen" in das Blut abgegeben. Im Unterschied dazu geben "exokrine" Drsen, wie Speichel- oder Schweidrsen, ihre Sekrete nach "auen" ab.

zuletzt bearbeitet: 16.10.2017 nach oben

Unterstützer der DiabSite:

Professor Dr. Peter Bottermann

Prof. Peter Bottermann

Weitere Angebote:

Spendenaufruf Ukraine

Hilfeaufruf Ukraine

Diabetes-Portal DiabSite startet Spendenaufruf für Menschen in der Ukraine.