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Prävention und Behandlung von Adipositas und Diabetes Typ 2

Abstract zum Vortrag von Professor Dr. med. Dr. Sportwiss. Christine Graf, Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln, im Rahmen der Pressekonferenz zur 12. Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 9. November 2018 in Wiesbaden.

Die Bedeutung körperlicher Aktivität zur Senkung der Morbidität und Mortalität

Der vielfältige Nutzen von körperlicher Aktivität in der Prävention und Therapie nahezu aller chronischen Erkrankungen ist heutzutage unumstritten. So ist letztlich Übergewicht zunächst die Folge eines (zu) geringen Energieverbrauchs - bezogen auf die individuelle Energiezufuhr. Allerdings wird genau dieser Verbrauch durch Bewegung in der Regel völlig überschätzt. Zum Beispiel müssen für die Verbrennung eines Würfelzuckers (zwölf Kilokalorien) 500 Schritte absolviert werden, für eine Tafel Schokolade muss man circa eine Stunde joggen. Wo liegt also das "Geheimnis" von Sport beziehungsweise Bewegung?

Zunächst sollte zwischen Bewegung im Alltag und in der Freizeit (hier gleich "Sporttreiben") unterschieden werden. Im Alltag gilt es täglich, 10.000 Schritte zu absolvieren. Da man für 1.000 Schritte zehn Minuten benötigt, sind als pauschal etwa 100 Minuten an Bewegungszeit pro Tag vonnöten, um "präventiv wirksam" zu sein! Davon abgekoppelt sind die 150 Minuten Bewegungszeit pro Woche an moderater Aktivität (an mindestens fünf Tagen 30 Minuten). Moderate Belastung entspricht "etwas schwitzen" und "etwas außer Puste kommen". Dieser Umfang resultiert aus Befunden, die bereits vor Jahrzehnten zeigen konnten, dass die Herzinfarktrate reduziert wird. Um tatsächlich an Gewicht zu verlieren, sollte man im Alltag 13.000 Schritte anstreben und mindestens 300 Minuten pro Woche moderat aktiv sein.

Sport in höheren Intensitäten erfordert wiederum geringere Umfänge von 75 Minuten pro Woche (an mindestens drei Tagen 25 Minuten); dies wird aber eher Trainierten und Jüngeren empfohlen. Diese Empfehlungen gelten auch für Diabetiker. Hier konnte gezeigt werden, dass regelmäßige körperliche Aktivität neben einem gesunden Lebensstil bei Menschen mit Prädiabetes das Risiko, auch tatsächlich zu erkranken, mehr als halbiert. Dieser Benefit ist unabhängig vom Gewicht; viel wichtiger ist eine Steigerung der körperlichen Fitness. Diese ist der wichtigste Parameter für den Gesunderhalt, eine geringere Erkrankungs- und Sterblichkeitsrate.

Dabei geht es nicht um das Niveau von Leistungssportlern - gerade Neu- und Wiedereinsteiger profitieren und erreichen die höchste Leistungssteigerung zu Beginn. Einer der wichtigsten Gründe für diesen Befund ist die Rolle der Muskulatur. Denn auch sie gilt - wie auch das Fettgewebe - als Drüse und produziert mehr als 600 Faktoren, sogenannte Myokine, die in die Anpassungsvorgänge, aber auch den sogenannten Crosstalk mit anderen Organsystemen eingreifen. Damit wirkt Muskulatur quasi gegen die chronische Entzündung, die vor allem vom viszeralen Fettgewebe ausgeht, und sorgt unter anderem für eine "Umwandlung" des metabolisch ungünstigen weißen Fettgewebes in das günstigere braune beziehungsweise beige Fettgewebe.

Dieses zeichnet sich unter anderem durch seine hohe Dichte an Mitochondrien aus. Diese kleinen Organellen gelten als Kraftwerke unserer Zellen; ihre Funktion beziehungsweise Dysfunktion hat erheblichen Einfluss auf den individuellen Gesundheitszustand. Welche Bewegungsform in welcher Intensität und Dauer den größten Nutzen hat, kann aktuell noch nicht beantwortet werden. Hier scheinen aber besonders höhere Intensitäten von Nutzen zu sein. Letztlich kann aber für den Sportungewohnten jedes Treppensteigen schon eine höhere Belastung bedeuten, sodass für die Praxis der Tipp, ab und an einen Schritt zulegen, einfach und sinnvoll erscheint.

Unter dieser Perspektive sollte abschließend auch die aktuell sehr öffentlichkeitswirksame Diskussion um "Sitzen - das neue Rauchen" betrachtet werden. Die Konsequenz ist die gleiche: "Jeder Schritt zählt!"

Nachgewiesen werden konnte auch, dass sich - neben Ernährung - auch Bewegung auf epigenetische Prozesse auswirkt. Dies kann flüchtig und/oder beständig sein, was sich wiederum auf die Gesundheit der nachfolgenden Generationen auswirkt. Umso wichtiger ist es daher, auch an die politische Verantwortung zu appellieren, die entsprechenden bewegungsfreundlichen Rahmenbedingungen in Kommunen und Städten zu schaffen.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

zuletzt bearbeitet: 23.11.2018 nach oben

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