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Diabetes - Ein dickes Problem

Abstract zum Vortrag von Dr. Dietrich Garlichs, Beauftragter des Vorstands der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Sprecher der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) im Rahmen der Pressekonferenz der "Aktion 'gesunde' MwSt." am 13. November 2017 in Berlin.

In Sachen Prävention ist Deutschland immer noch ein Entwicklungsland

Warum wir eine "gesunde" Mehrwertsteuer brauchen

Dr. Dietrich Garlichs, Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft Deutschland steht vor einer gesundheitspolitischen Jahrhundertaufgabe: Bereits heute ist über die Hälfte der Deutschen übergewichtig, und jeder vierte erfüllt die Kriterien einer krankhaften Fettleibigkeit, medizinisch Adipositas. Tendenz steigend. Dabei geht es nicht um ein kosmetisches Problem. Starkes Übergewicht ist ein Risikofaktor für viele ernsthafte Krankheiten: Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und auch viele Krebsarten. Mindestens drei Viertel der vorzeitigen Todesfälle sind inzwischen durch unseren Lebensstil verursacht, durch falsche Ernährung und zu wenig Bewegung.

Übergewicht und seine Folgen bedeuten oft immenses Leid für die Betroffenen - und erhebliche Kosten für die Gesellschaft. 35 Mrd. Euro gibt die Solidargemeinschaft jährlich allein für die Behandlung der Folgen des Diabetes, für Krankengeld und Frührenten aus. Das Problem der Überernährung hat inzwischen das uralte Menschheitsproblem Hunger und Mangelernährung als größtes Krankheitsrisiko abgelöst.

Es muss also etwas passieren - so weit sind sich Wissenschaftler und Politiker einig. Aber welche Maßnahmen könnten die Adipositaswelle stoppen, am besten sogar umkehren? Die Politik setzte bisher vor allem auf die Verantwortung des Einzelnen, nach dem Motto: Jeder ist seines Körpers Schmied. Durch Information und Aufklärung sollen die Betroffenen lernen, gesünder zu essen und sich mehr zu bewegen. Doch dieser individualistische Ansatz gilt wissenschaftlich längst als gescheitert. Unzählige Studien zeigen: Die Mehrheit der Patienten nimmt dadurch nur wenig ab und nach dem Ende der Schulung schnell wieder zu.

Notwendig sind daher Maßnahmen, die dauerhaft sind, möglichst die ganze Bevölkerung erreichen und erwiesenermaßen das Ernährungsverhalten positiv verändern. Das Präventionsgesetz von 2015 wäre eine Chance gewesen, in diese Richtung umzusteuern. Doch gefördert werden wiederum vor allem Gesundheitskurse und zeitlich begrenzte Projekte. Ärzte sollen ihre Patienten zur gesundheitlichen Vorbeugung anhalten. Wieder ist es der Bürger allein, der etwas verändern soll. Die Politik aber scheut vor ihrem Part zurück.

Wenn wir die dramatische Zunahme von Übergewicht, Diabetes & Co in Deutschland aufhalten wollen, muss die Politik schnell durchgreifen, ohne Rücksicht auf die Industrie und zum Schutz seiner Bürger. Das ist keine spinnerte Idee irgendwelcher Gesundheitsapostel. Es ist die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation: "Make the healthy choice the easier choice". Gesundes Verhalten leichtgemacht!

In vielen Ländern werden inzwischen Steuern zur Gesundheitsförderung eingesetzt. Deshalb haben die hier anwesenden sieben Gesundheitsorganisationen eine Studie in Auftrag gegeben, wie man diesen Gedanken am besten in das deutsche Steuersystem einfügen könnte. Wir finden die Vorschläge des seit langem auf diesem Gebiet forschenden Ökonomen Tobias Effertz sehr überzeugend.

Wir schlagen deshalb eine gesundheitliche Staffelung der Mehrwertsteuer vor, die wir ?Ampel plus? nennen:

Zusätzlich könnte der Steuersatz für die besonders gesundheitsschädlichen Softdrinks wie Cola oder Fanta von heute 19 auf 29 Prozent erhöht werden. Dieses Plus ist sinnvoll, weil Softdrinks oft eine entscheidende Rolle bei der Entstehung einer Adipositas spielen - noch mehr als Süßigkeiten. Das gilt auch für Drinks mit Zuckerersatzstoffen. Fruchtsäfte ohne Zuckerzusatz würden hingegen in die Kategorie gelb mit sieben Prozent Mehrwertsteuer fallen.

In Sachen Präventionspolitik ist Deutschland immer noch ein Entwicklungsland. Es wird Zeit, dass wir das ändern. Eine "gesunde" Mehrwertsteuer wäre einfach und leicht umzusetzen. Sie wäre endlich ein wirksamer Schritt, die Adipositaswelle anzuhalten und umzukehren.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Dr. Dietrich Garlichs
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

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zuletzt bearbeitet: 17.11.2017 nach oben

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