Das unabhängige Diabetes-Portal DiabSite

Home > Aktuelles > Diabetes-Nachrichten > Archive > 2017 > 171130b

Stark erhöhte Suizidgefahr und mehr Folgeerkrankungen

Menschen mit Diabetes leiden doppelt so häufig an Depressionen

Professor Dr. Diplom-Psychologe Bernhard Kulzer In Deutschland sind 6,5 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, die meisten an Typ 2. Davon leiden schtzungsweise 800.000 Menschen gleichzeitig an einer behandlungsbedrftigen Depression. "Depressionen kommen bei Menschen mit Diabetes damit doppelt so hufig vor wie in der Allgemeinbevlkerung", sagt Professor Dr. Diplom-Psychologe Bernhard Kulzer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Mit ernsten Folgen: Die Betroffenen haben schlechtere Blutzuckerwerte und entwickeln hufiger gefbedingte Folgeerkrankungen etwa an Nieren, Augen und Fen. Darber hinaus ist die Suizidgefahr um 50 Prozent erhht, vor allem bei jngeren Mnnern mit Diabetes Typ 1. Betroffene sollten sich bei Warnzeichen psychologische Hilfe suchen, rt die DDG. Dafr gibt es spezielle Expertise - zum Beispiel von Fachpsychologen Diabetes der DDG. "Depressiv erkrankte Menschen mit Diabetes knnen sich aber auch an jeden niedergelassenen Psychotherapeuten wenden", ergnzt Dr. Andrea Benecke, Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Lsst sich der Blutzucker nur schwer einstellen, helfen speziell weitergebildete Psychotherapeuten weiter.

"Depressionen bei Patienten mit Diabetes stellen ein massives und bislang unterschtztes Problem dar", betont Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Past Prsident und Pressesprecher der DDG. Auslser einer begleitenden Depression sind hufig diabetesbezogene Belastungen. "Patienten mit Diabetes mssen jeden Tag Verantwortung fr ihre Therapie bernehmen, ihre Blutzuckerwerte genau im Blick haben, Medikamente dosieren und einnehmen, Rckschlge verarbeiten", erlutert Kulzer. "Dies kann besonders dann sehr stressig und depressionsfrdernd sein, wenn neben dem Diabetes noch andere Belastungen im Leben vorhanden sind, negative Erlebnisse wie Unterzuckerungen oder Folgeerkrankungen auftreten oder Menschen wenig Untersttzung im Umgang mit dem Diabetes erfahren."

Die Auswirkungen einer klinischen Depression auf den Gesundheitszustand der Diabetespatienten sind gravierend. "Depressive Stimmungseinbrche knnen eine Diabetesbehandlung erheblich gefhrden", warnt BPtK-Vorstand Benecke. "Die Patienten sind nicht mehr ausreichend in der Lage, die notwendigen Blutzuckermessungen durchzufhren und sich Insulin zu spritzen." Sie versinken in negativen Gedanken, wie: "Ich kann den Diabetes nicht mehr ertragen", "Ich tue mein Bestes, aber es reicht nicht", "Ich will meine Ruhe haben und keinen Diabetes". In der Konsequenz verschlechtert sich der Langzeitblutzuckerwert HbA1c. Ohne eine psychotherapeutische Behandlung sei dann eine erfolgreiche Diabetestherapie kaum mehr mglich, betont Andrea Benecke.

Behandlungskosten steigen um bis zu 90 Prozent

Darber hinaus bt die Depression einen direkten negativen krperlichen Einfluss auf die Stoffwechselstrung aus. Grund: Die psychische Erkrankung fhrt ber eine Aktivierung der Hypophysen-Nebennieren-Achse zu einer Erhhung entzndlicher Prozesse an den groen und kleinen Blutgefen. "Das wiederum frdert die Entstehung weiterer Folgeerkrankungen etwa an Nerven, Augen, Fen oder Nieren", so Kulzer. Insgesamt steigen die Behandlungskosten durch die Mehrfach-Therapie von Diabetes, Depression und Folgeerkrankungen um 50 bis 90 Prozent.[*]

Die Folgeerkrankungen - dazu zhlen vor allem Schlaganfall und Herzinfarkt - tragen mageblich dazu bei, das Sterblichkeitsrisiko bei Menschen mit Diabetes und Depression zu verdoppeln. Ein weiterer Faktor ist die erhhte Suizidrate. "Wir mssen leider feststellen, dass das Suizidrisiko hher liegt als bei depressiven Menschen ohne Diabetes", so Kulzer. Wie eine aktuelle Studie zeigt, steigt die Suizidgefahr bei Diabetes um 50 Prozent im Vergleich zur Allgemeinbevlkerung, besonders bei jngeren Mnnern mit Typ-1-Diabetes. "Hochgerechnet auf Deutschland bringen sich tglich mehr als zwei Personen mit Depression und Diabetes um, jhrlich ber 800 Menschen - eine viel zu hohe Zahl", erklrt Kulzer. "Fest steht: Depressive Diabetespatienten sind krnker und sterben frher."

Die Hlfte aller Depressionen wird nicht erkannt

Dennoch wird die Hlfte aller Depressionen bei Diabetes nicht erkannt. "Die Diagnose wird viel zu selten gestellt", so Kulzer. Patienten sollten daher auf entsprechende Warnzeichen achten. "Wenn die Therapie zur Last wird und mehr Energie als bisher kostet, ist das ein Alarmsignal", erklrt der Psychologe. Dann kann unter Umstnden professionelle Hilfe notwendig sein. "Diabetespatienten, die unter depressiven Stimmungen leiden, erhalten seit dem 1. April dieses Jahres schnell einen Termin in der neu eingefhrten psychotherapeutischen Sprechstunde", betont BPtK-Vorstand Benecke. "Jeder niedergelassene Psychotherapeut kann depressiv erkrankte Menschen mit Diabetes behandeln." Ist der Blutzucker dauerhaft nicht stabil einzustellen, kann an speziell weitergebildete Psychotherapeuten vermittelt werden.

Ressourcen strken, negative Muster bearbeiten

Im Zuge einer Psychotherapie strken die Experten unter anderem die Ressourcen der Diabetespatienten, ermglichen Erfolgserlebnisse oder finden tiefer liegende negative Muster, die der Diabetesbehandlung im Wege stehen und bearbeitet werden mssen. "Ziel einer Therapie ist eine gefestigte psychische Verfassung, die eine Rckkehr zu einem verlsslichen Selbstmanagement des Diabetes ermglicht, was sich wiederum in einem stabilen HbA1c-Wert ausdrckt", erlutert Andrea Benecke.

Mehr Psychotherapeuten fr Diabetespatienten

Um die psychosoziale Betreuung von Patienten mit Diabetes und einer begleitenden Depression zu strken, hat die DDG bereits vor Jahren eine Weiterbildung zum "Fachpsychologen DDG" ins Leben gerufen. Darber hinaus wird sich auch die psychotherapeutische Versorgung fr Diabetespatienten mit psychischen Strungen wie Depressionen in Zukunft verbessern. Dafr sorgte Anfang des Jahres 2017 der 30. Deutsche Psychotherapeutentag in Hannover, der die Muster-Weiterbildungsordnung der Psychologischen Psychotherapeuten um eine Weiterbildung zur "Speziellen Psychotherapie bei Diabetes" erweiterte.

"Wir begren diese Entscheidung sehr", betont Gallwitz. "Es ist wichtig, die psychische Seite des Diabetes viel mehr als bisher zu beachten und fr die Betroffenen knftig angemessene Therapieangebote zur Prvention und Behandlung von psychischen Erkrankungen zur Verfgung zu stellen."

Wer sich depressiv fhlt, kann zunchst einen Kurztest der WHO machen: http://www.diabetes-psychologie.de/templates/main.php?SID=705. Bei Bedarf helfen psychologische oder psychotherapeutische Spezialisten weiter (siehe unten).

Hier gibt es spezielle Hilfe

? Die DDG fhrt eine Liste aller "Fachpsychologen Diabetes DDG", die ein spezielle diabetologische Weiterbildung erhalten haben: www.diabetes-psychologie.de. Suche nach Postleitzahlen ist mglich unter: http://www.diabetes-psychologie.de/…

? Auch die Bundespsychotherapeutenkammer bietet eine Suche nach Psychotherapeuten an: http://www.bptk.de/service…. In Rheinland-Pfalz gibt es erste Absolventen der neuen Weiterbildung zum Psychodiabetologen.

Quellen

  • Ciechanowski PS1, Katon WJ, Russo JE. Depression and diabetes: impact of depressive symptoms on adherence, function, and costs. Arch Intern Med. 2000 Nov 27;160(21):3278-85.

Kalsekar ID1, Madhavan SM, Amonkar MM, Scott V, Douglas SM, Makela E.The effect of depression on health care utilization and costs in patients with type 2 diabetes. Manag Care Interface. 2006 Mar;19(3):39-46.

Bildunterschrift: Professor Dr. Diplom-Psychologe Bernhard Kulzer
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

zuletzt bearbeitet: 30.11.2017 nach oben

Unterstützer der DiabSite:

Professor Dr. Peter Bottermann

Prof. Peter Bottermann

Weitere Angebote:

Spendenaufruf Ukraine

Hilfeaufruf Ukraine

Diabetes-Portal DiabSite startet Spendenaufruf für Menschen in der Ukraine.