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Selbsthilfe - quo vadis?

Meinungsartikel von Dr. Klaus-D. Warz

Dr. Klaus-D. Warz
Dr. Klaus-D. Warz

Dr. Klaus-Dieter Warz ist seit über 20 Jahren Diabetikerin und aktives Mitglied im Deutschen Diabetiker Bund Landesverband Hamburg e. V. Seither macht sie sich auch in der Öffentlichkeit für Menschen mit Diabetes stark. Viele Jahre hat sie darüber hinaus in einer Krankenkasse die Versicherten mit Diabetes mellitus erfolgreich betreut. Dass Diabetiker selbstverantwortlich und selbstbestimmt mit ihrem Diabetes leben können, liegt Frau Hagemann-Rohweder besonders am Herzen. Gerne hilft sie bei praktischen Problemen mit dem Diabetes im Alltag, hält Vorträge zum Thema und beantwortet kompetent Fragen von Journalisten und allen, die sich mit ihren Sorgen an die engagierte Diabetikerin wenden.

Können Patientenexperten der Selbsthilfe eine Brücke zwischen Behandlern und Betroffenen bilden und aktiv in der Diabetes-Prävention mitwirken?

Eine sehr große Zahl direkt und indirekt betroffener Menschen mit Diabetes engagieren sich seit nahezu sieben Jahrzehnen ehrenamtlich in der Diabetes-Selbsthilfe in Deutschland.Stetige Qualifizierungen durch Fachvorträge vermitteln denMitgliedern der Selbsthilfeverbände aktuelles Wissen zur Therapie. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit den regionalen Diabetesgesellschaften, Spezialisten, Therapeuten, Ärztinnen und Ärzten, Diabetes-Beraterinnen und Experten aus der Industrie.

In lokalen Selbsthilfegruppen und auf gesundheitspolitischer Ebene als Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesauschuss kommt dieses Fachwissen den Diabetesbetroffenen zugute, in dem diese sich für eine konsequente, leitliniengerechte Behandlung nach den individuellen und altersgerechten Bedürfnissen der Patienten einsetzen. Ohne dieses ehrenamtliche Engagement würden viele Menschen Einbußen in ihrer Lebensqualität erleiden. Besonders geeignete Patientinnen und Patienten in der Diabetes-Selbsthilfe haben sich in den letzten Jahren in Wochenendseminaren durch Fachexperten zu Diabetes-Lotsen und Diabetes-Guides weiter qualifiziert.

Doch obwohl die Selbsthilfe ganz offensichtlich einen Beitrag zur Steigerung des Gemeinwohls leistet, ist sie immer noch kein ernstgenommener Beratungspartner für die meisten Behandler. Das Potenzial dieser Patientenexperten wird weder in Einzel- und Gruppen-Coachings für Betroffene noch in der Prävention genutzt. Das hochkomplexe Gesundheitssystem ist nicht in der Lage, den Schatz der Selbsthilfe zu hebe

Das jüngste Beispiel ist die Nationale Diabetesstrategie. DerFreude darüber, dass es die Nationale Diabetesstrategie nach so vielen Jahren endlich in den Bundestag geschafft hat, folgtesehr schnell die Ernüchterung: Von einer Strategie kann keine Rede sein, es ist eine Ansammlung von Absichtserklärungen. Konkrete Maßnahmen, wie zum Beispiel die Zuckerreduktionoder Werbeverbote für zuckerhaltige Produkte für Kinder fehlen. Und warum spielt die Selbsthilfe in der Nationalen Diabetesstrategie keine Rolle? Das Potenzial der Selbsthilfe bleibt schlichtweg ungenutzt. Ich bin bitter enttäuscht.

Potenzial der organisierten Selbsthilfe besser nutzen

Die Betroffen werden oft ein Leben lang von ihrem Diabetes begleitet und müssen sich täglich damit auseinandersetzen. Ihren Behandler treffen sie meist nur einmal im Quartal für wenige Minuten. Die verbleibende Zeit müssen sie den Diabetes durch Selbst-Management bewältigen. Die ehrenamtlichen Akteure der Selbsthilfe sind in der Lage den Patienten weiterzuhelfen, beispielsweise in der Alltagsbewältigung oder mit einem Coaching für ein besseres Management des Diabetes. Eine Verankerung der Selbsthilfe in der elektronische Patientenakte könnte hier zu einer Verbesserung führen, sofern die Diabetes-Betroffenen mit ihreine Weiterempfehlung zu lokalen evaluierten Selbsthilfe-Gruppen und deren Angeboten erhalten. Wünschenswert und noch besser wäre eine Zertifizierung der Selbsthilfe-Gruppen durch die Bundesärztekammer.

Gesundheitskompetenz beginnt bei der Aufklärung

Noch immer mangelt es vielen Menschen und auch einem Teil der über sieben Millionen Diabetikerinnen und Diabetikern angrundlegendem Wissen über eine gesunde Lebensweise, dem richtigen Umgang mit ihrer Erkrankung oder daran, dieses theoretische Wissen in der Praxis auf Dauer anzuwenden. Um das zu ändern und die Gesundheitskompetenz aller chronisch Erkrankten zu verbessern, muss sich die Selbsthilfe weiterentwickeln. Das kann schon bei der Aufklärung beginnen, einem bislang wenig genutztem Potenzial des Selbsthilfe-Engagements.

Patientenexperten als Bindeglied im Gesundheitssystem

Die organisierte Selbsthilfe muss sich unter diesem Aspekt in das Gesundheitssystem einbringen und ein wertvolles Bindeglied zwischen den Behandlern und den Betroffenen werden. So kann sie einen essentiellen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz sowie in der Aufklärung zu Diabetesrisiken leisten, da die Selbsthilfe eng mit den Betroffenen agiert. Hierzu ist eine kontinuierliche Qualifizierung der Patientenexperten der Selbsthilfe erforderlich. Genauso wie die institutionelle Strukturierung der Selbsthilfe in zertifizierte Selbsthilfe-Gruppen. Die Vision: Qualifizierte Patientenexperten der Selbsthilfe bilden in Kooperation mit Arztpraxen und Diabetesberatern die dritte Säule der Patientenbetreuung.

Die DDF hat mit den Diabetes-Guides den Weg der qualifizierten Experten bereits eingeleitet. Im September wird er mit dem Start der Qualifizierung zum Diabetes Guide Kinder und Jugend (DDF) konsequent fortgeführt. Präsenzveranstaltungen und digitale Schulungseinheitenergänzen sich dabei ideal.

Mit digitalen Kanälen mehr Menschen erreichen

Immer mehr Menschen beschaffen sich Gesundheitsinformationen aus dem Internet. Die digitale Transformation und das damit einher gehende Potenzial der Nutzung digitaler Angebote und Medien ist ein weitererwichtiger Treiber für die Veränderung der Selbsthilfe. Das Spektrum ist weit gefächert und reicht von Online-Schulungsangeboten, Online-Treffen oder Video-Chat-Gesprächen (z.B. Diabetes Guide) über Diabetes-Coachings(z.B. Werte, Bewegung, Ernährung etc.) und Informationsangebote (z.B. Soziales, Psyche, Lebensstiländerung) bis hin zum Managen der Diabetes-Community über Social Media, Messenger-Dienste oder Apps(z.B. Diab2gether der DDF). Mit den digitalen Leistungenkönnen, ergänzend zu den bisherigen analogen Angeboten, zusätzlich viel mehr Menschen in den unterschiedlichsten Altersklassen erreicht werden.

Hilfestellung bei der Nutzung digitaler Tools

Bei der Nutzung von Gesundheitsinformationen aus dem Internet leisten Moderatoren mit optionalen Faktencheckswertvolle Dienste bei der sicheren Recherche nach evaluiertem und evidenzbasiertem Wissen. Diabetes Guides könnten diese Rolle übernehmen, denn die Unterstützung Diabetesbetroffener bei der Anwendung des Digitalangebots für das eigene Diabetesmanagement eröffnet eine weitere Perspektive für die Selbsthilfe. Gezielte Schulungen (eLearning, TeleMedien) entwickeln und steigern die allgemeine Medien-Kompetenz der Betroffenen im Umgang mit digitalen Hilfsmitteln. Insbesondere auch unter dem Aspekt seriöse Quellen aufzutun, die Inhalte zu verstehen und dieses neue gewonnene Wissen für sich selbst anzuwenden.

Die DDF begreift die Digitalisierung als eine Chance für mehr Qualität und Transparenz für die Betroffenen über ihre generierten digitalen Daten, beispielsweise über FGM-, CGM-Apps sowie die zahlreichen Gesundheit- Apps. Natürlich immer unter Einhaltung der Vorgaben des Datenschutzes und bei völliger Souveränität der Patienten über die Datenverwendung.

Wir können uns selbst helfen, indem wir unsere Erfahrungen weitergeben und uns gegenseitig immer wieder zu einem aktiven Umgang mit dem Diabetes motivieren.

Dr. Klaus-D. Warz

Quellen

Text- und Bildquelle: Dr. Klaus-D. Warz

Wir danken Herrn Dr. Warz für seinen interessanten Beitrag!

zuletzt bearbeitet: 10.09.2020 nach oben

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